Julian Assange, Wikileaks und kognitive Dissonanz

Marcel Duda hat mich heute - en passant - durch einen Antworttweet zum intensiven Nachdenken über meine gespaltene Wahrnehmung von Julian Assange und damit direkt auch noch einmal zum Grübeln über Wikileaks gebracht:

Vorausgegangen war eine Aussage von mir, dass durch Assanges Abkehr von einer Gruppe seiner Sympathisant_innen er für mich endgültig gestorben sei - und damit meinte ich nicht den Julian Assange als Vergewaltiger oder Unterstützer von rechtsextremen Gruppen, den ich auf dieser und anderer Basis schon seit langem ablehne, sondern Assange als (immer noch) Kopf von Wikileaks, der weiterhin - trotz seines "Asyls" in der ecuadorianischen Botschaft - einen Großteil der Außendarstellung der Whistleblower-Organisation wahrnimmt.

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Wenn der Staat zum Angreifer wird... (Teil 1)

Heute sind erste Details des Vorgangs rund um die Schließung des Email-Providers Lavabit an die Öffentlichkeit gelangt: anscheinend gab es bereits kurz nach dem öffentlichen Bekenntnis von Edward Snowden, dass er die Quelle des Materials rund um die NSA-Leaks sei, eine gerichtliche Geheimanordnung, die zentralen SSL-Schlüssel des von Snowden genutzten Email-Dienstes gegenüber amerikanischen Polizeibehörden offenzulegen. Dies wurde vom Inhaber des Dienstes Ladar Levison als unverhältnismäßig zurückgewiesen, da alle seine Email-Kundinnen und -Kunden von dieser Maßnahme in ihrer Sicherheit und Privatsphäre betroffen gewesen wären, woraufhin ein amerikanisches Gericht ein Erzwingungsbußgeld zur Durchsetzung der Herausgabe der SSL-Schlüssel verhängte. Schlussendlich führte dies dann in der Konsequenz zur Schließung und Löschung des Email-Dienstes Lavabit durch den Betreiber, um sowohl die persönlichen Emails und Daten der Kundinnen und Kunden des Dienstes zu schützen, sowie gleichzeitig der gerichtlichen Anordnung - hoffentlich ohne zukünftige Kompromittierung der Nutzerinnen und Nutzer - im Wortlaut nachkommen zu können.

Eine kryptographisch gesicherte Netzwerk-Verbindung ist nur so sicher wie ihr schwächstes Glied, und hierzu gehört es, dass der private Teil des Schlüsselpaares von SSL-Schlüsseln unbedingt sicher und geheim aufbewahrt werden muss. Weiterlesen

Ursachenforschung...?

Wie überall wird momentan auch bei Grünen probiert, bestimmte äußere und innere Vorkommnisse (BDK zum Wahlprogramm/Steuerkonzept, Fukushima, Pädophiliedebatte, Snowden) auf die Ergebnisse von demoskopischen Umfragen zu übertragen, um Korrelationen festzustellen und somit Ursachenforschung für das Wahlergebnis zu betreiben. Prinzipiell ist das natürlich eine durchaus valide und spannende Herangehensweise, um den Einfluss von einzelnen Faktoren auf das grüne Wähler_innenverhalten zu untersuchen und damit Entscheidungen zur zukünftigen Programmatik der Grünen zu begründen, praktisch hat das ganze aber so seine Tücken:

  1. zum einen, weil die Ergebnisse, die uns von Meinungsforschungsinstituten als genaue Hochrechnung oder Prognose verkauft werden, auf einer gegenüber der Gesamtwahlbevölkerung gesehen relativ kleinen Menge an Umfrageergebnissen basieren, und damit die statistische Aussagekraft deutlich eingeschränkt ist, und
  2. zum anderen, weil wir es bei komplexen Systemen wie Wahlpräferenzen immer mit vielen gleichzeitig wirkenden Faktoren zu tun haben, und somit auch die statistische Korrelation von Umfragebewegungen auf einzelne Faktoren schwierig zu bewerkstelligen ist.

Im folgenden will ich mich nicht mit dem multifaktoriellen Ursprung der Wahlentscheidung befassen, sondern mich darauf beschränken, eine Einordnung der Genauigkeit von Umfrageergebnissen vorzunehmen, indem ich Relevanzgrenzen für einen Hypothesentest berechne - im konkreten Fall auf der Basis der Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen, wie sie bei wahlrecht.de veröffentlicht sind.

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Kontrollverlust, oder warum Post-Privacy das eigentliche Hirngespinst ist

Vermeintlicher oder realer Kontrollverlust ist in sehr vielen Situationen eine der schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Wikipedia führt unter anderem auf, dass das

Fehlen subjektiver Kontrolle typischerweise einhergeht mit emotionalen, kognitiven und motivationalen Defiziten, zum Beispiel mit depressiver Verstimmung, verringerter Selbstachtung, herabgesetzter Reagibilität und/oder Passivität.

Warum zitiere ich das?

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Bürger_innenrechtsliberale Grüne? Ja bitte - aber glaubwürdig!

Nachdem die FDP im kommenden Bundestag nicht mehr vertreten sein wird, haben bereits einige prominente Grüne den Anspruch formuliert, dass ab sofort GRÜN die neue Rechtsstaats- und Bürger_innenrechtspartei liberaler Ausrichtung in Deutschland werden soll. Volker Beck, der vom Amt des parlamentarischen Geschäftsführers der Fraktion zurückgetreten ist und sich in der kommenden Legislaturperiode verstärkt um Fachpolitik kümmern will, kommentierte das so:

Auch wenn ich sofort zustimme, dass das Thema eine große Chance für die Grünen war und ist, sehe ich momentan noch riesige Hürden, bis wir dort angekommen sind, um als neue rechtsstaatsliberale Kraft akzeptiert und ernst- bzw. wahrgenommen zu werden. Weiterlesen

Landesverrat? Hört auf mit dem Scheiß!

Philipp Schmagold ist einer dieser Grünen, die es einfach nicht lassen können, wirklich grenzwertige Aktionen durchzuführen: er hat dieses mal Anzeige gegen Unbekannt wegen Landesverrats (§§94 ff. StGB) bezüglich der Abhöraffäre um PRISM und Tempora erstattet. Er ist mit dieser Vorgehensweise in der Spähaffäre nicht alleine: so hat auch ein Bundestagskandidat der hessischen Piraten, Jürgen Neuwirth, Anzeige gegen Ronald Pofalla bei einer anderen Staatsanwaltschaft eingereicht.

Im Folgenden ein paar Argumente, warum ich diese Publicity Stunts für abgrundtief falsch halte:

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Soziale Netzwerke, Datenschutz und Kryptographie - eine praktische Idee mit plausible deniability?

In dem Moment, wo digitale Datensätze mit anderen Menschen geteilt werden, verliert die Urheber_in des Inhalts die Kontrolle über deren Verbreitung. Diese grundlegende Eigenschaft des Internets ist für Teilnehmer_innen von sozialen Netzwerken gleichzeitig Segen und Fluch: auf der einen Seite ermöglicht die technisch einfach umzusetzende Möglichkeit der identischen Kopie von digitalisierten Inhalten, mit Medien eine immense Gruppe von Menschen sehr kostengünstig und ressourcensparend zu erreichen, auf der anderen Seite verliert jedoch hierdurch die Absender_in des Inhalts jegliche Steuerungsmöglichkeit über eine weitere Verbreitung der sie betreffenden Daten, sofern dies zukünftig gewünscht sein sollte.

Technisch ist eine Einschränkung der Verbreitung von digitalen Inhalten nicht sinnvoll oder sicher durchzusetzen. Projekte wie etwa X-pire, die durch eine zentralisierte Ablage von Medien mit angebundenem Verfallsdatum als sogenanntes digitales Radiergummi dienen sollten, sind bereits im Ansatz defekt: zum einen findet zwangsweise eine Zentralisierung der Auslieferung der Inhalte statt, zum anderen benötigen diese Verfahren eine DRM-ähnliche-Schranke bei der Wiedergabe der Medien, um eine Einhaltung des Ablaufdatums zumindest im Ansatz zu erzwingen. Ein Umgehen von zentralisierten DRM-Maßnahmen ist jedoch spätestens durch das "analog hole" immer zu erreichen. Weiterlesen

Ein kleiner Selbstversuch zur Vorratsdatenspeicherung

Malte Spitz hat im Selbstversuch ausprobiert, welche Folgerungen über seine Person sich aus der (damals umgesetzten) Vorratsdatenspeicherung seines Telekommunikationsanbieters ergeben. Hierzu hat er Bewegungs- und Verkehrsdaten von der Telekom für einen sechsmonatigen Zeitraum freigeklagt, und diese dann zusammen mit OpenDataCity und der Zeit visualisiert und mit öffentlich im Netz zur Verfügung stehenden Quellen verbunden. Eine tolle Aktion, die auf ganz plastische Weise verdeutlicht, welche Rückschlüsse sich allein aus den sogenannten Meta-Daten von Kommunikationsvorgängen ergeben.

Da ich selbst nur eine unvollständige Vorstellung darüber habe, was für Folgerungen sich aus den Verkehrs- und Bewegungsdaten über meine Person, mein politisches Engagement und meine Arbeit ergeben, will ich das ganze auch für mich mal in einem kleinen Selbstversuch ausprobieren. Wie geht das technisch?

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Vorratsdatenspeicherung, oder: wie Statistik die Wahrnehmung der/des Einzelnen zu bestimmen beginnt

Ich habe in den letzten Wochen als Antwort auf meine Empörung rund um die Aufdeckung von PRISM von ganz verschiedenen Seiten den Satz "Ich habe nichts zu verbergen, ich bin doch nicht kriminell!" gehört. Jedes mal wurde diese Wahrnehmung der laufenden Totalüberwachung in der tiefsten Überzeugung geäußert, dass das Leben eines Individuums durch den massiven Eingriff in die Privatsphäre mit Spähprogrammen keine Beeinträchtigung finden wird. Und ich kann jedes mal nur mit dem Kopf schütteln.

Warum ist eigentlich Vorratsdatenspeicherung - egal in welcher Form, wobei PRISM und Tempora nur eine Ausprägung sind - eine Gefahr für ein freiheitliches Staatswesen und unser demokratisch organisiertes Zusammenleben?

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Ist Netzpolitik beim Ergebnis des Grünen Mitgliederentscheids unterdurchschnittlich repräsentiert? (Teil 2)

Schönreden hilft nicht (tschuldigung, Malte). Wie ich schon in meinem (vor)gestrigen Post anhand einer kleinen statistischen Analyse der Einzelergebnisse des Grünen Mitgliederentscheids gezeigt hatte, haben die drei zentralen netzpolitischen Zukunftsthemen auf ganzer Linie versagt, Grüne Mitglieder zu begeistern.

Breitbandausbau und Urheberrechtsreform sind nur für eine deutliche (statistische) Minderheit der Grünen Mitglieder Projekte, die bei einer Regierungsbeteiligung unmittelbar umgesetzt werden sollen. Bei der Verbesserung des Schutzes der Privatsphäre - online und offline - ist es nicht viel besser: nur etwa einer von sieben Grünen (ziemlich genau Durchschnitt) sieht hierbei die Notwendigkeit, das schnellstmöglich umzusetzen. Angesichts der langen Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung und der jetzigen Enthüllungen zu PRISM ist das in meinem Empfinden eine dramatisch geringe Zahl. Genauso halte ich es für höchst unwahrscheinlich, dass das im Ranking erstplatzierte Projekt Rüstungsexportkontrolle von einer Mehrheit der Grünen mit der Einschränkung des Exports von Überwachungssoftware identifiziert wird, sondern eher gewählt wurde, um zukünftig den Export von konventionellen Rüstungsgütern besser zu kontrollieren.

Dieser Post soll meine Wahrnehmung des zugrunde liegenden Problems darstellen, und eine mögliche Strategie vorstellen, um Netzpolitik zukünftig besser zu platzieren und entsprechend mehr Interesse bei Grünen Mitgliedern zu schaffen. Was läuft also im momentanen Diskurs schief?

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